September 2020 (Teil 1)

Es ist Montag, 0330 Uhr. Ich wache auf, weil es regnet. Nein, es schüttet was es nur kann. Innert wenigen Minuten ist unser 25L Regenwasserkanister voll. Es zieht ein Gewitter vorüber und es windet etwas. Ich kontrolliere die Wettersituation und die umgebenden Schiffe. Alles ist ruhig und eigentlich könnte ich mich wieder hinlegen. Aber irgendetwas sagt mir, ich solle noch etwas wach bleiben. Ich mache ein paar Filmchen des Wetters und den Blitzen, die die ganze Umgebung ausleuchten und die Regenmassen sichtbar machen. Ich beende mit dem Handy eine Aufnahme und es beginnt zu läuten… Eine +31iger Nummer. Ich nehme das Gespräch entgegen, denn ich habe so eine Vermutung. Am anderen Ende klingt eine sympathische Stimme: "Guten Tag. Sie haben sich beworben. Wir möchten Sie für ein Bewerbungsgespräch einladen. Sind sie schon in der Schweiz?" Wenn das kein Zeichen ist? Ich hätte ohne diese Eingebung den Anruf verpasst… Der Tag bleibt so regnerisch, dass sogar der Markt abgesagt wurde. Jenny konnte wohl aufgrund der Strassenverhältnisse nicht von ihrem Berg herunterkommen.

Den Dienstag verbringt Anja hinter der Nähmaschine. Sie näht unsere Sitzkissen im Salon neu. Der alte Stoff reisst ein und sieht nicht mehr gut aus. Ich gehe derweilen an den Pool in Le Phare Bleu. Wir treffen dort auch Alex von der NoStress. Der Nachmittag verfliegt und am Abend treffe ich Anja in der Bar in Whisper Cove Marina. Es ist zum einen eine Jamsession und Pizza Abend. Da wir zurzeit zwei Dinghis haben, fährt Anja mit den Kids zurück und ich kann noch etwas Musik machen. Ich bleibe lange sitzen und unterhalte mich mit den vielen Freunden, bis das Licht gelöscht wird. Da gings dann auch für mich wieder aufs Boot zurück.

Am Mittwoch liessen wir das Standartprogramm mit dem Markt ausfallen. Wir gingen auf den Bus und fuhren in die Shopping Mall. Dort trafen wir uns mit unseren Freunden von der SY Maracuja. Wir haben sie seit fast zwei Wochen nicht mehr gesehen. Wir treffen uns dort beim italienischen Patissier. Die Millefeuilles sind absolut der Hammer. Danach steigen wir in einen Bus und fahren ins Zentrum. Dort machen wir uns auf die Suche nach Koffer. Schnell werden wir in den empfohlenen Geschäften Fündig. Wir erhalten sofort Rabatt für die vier Koffer. Wir bezahlen die Koffer und lassen sie stehen um etwas zu Bummeln. Wir schlendern über den Markt und sind recht schockiert. Wir haben den Markt vor fünf Monaten erlebt, vor dieser CoV Zeit und es war so rappelvoll, farbig und laut. Überall freundliche Gesichter welche allen Krimskrams verkaufen wollten. Nun ist alles leer. Ein einziger Stand war besetzt. Überall lungerten Leute herum und schliefen und sassen einfach nur da. Keine Farben, keine Musik und selbst die einzige Verkäuferin war demotiviert uns einen Sack Muskatnüsse zu verkaufen. Nach dem Herumschlendern machten wir uns auf den Weg zurück. Wir haben mit dem Buschauffeur abgemacht, dass er uns wieder aufgabelt und direkt in die Marina zurückführt. Er war pünktlich dort und begleitete uns ins Busterminal zu seinem Bus. Wir fuhren etwa 20 Minuten auf direktem Weg. Der Buschauffeur war zwar jung, aber er fuhr ruhig und angenehm. Wir sprachen über Gott und die Welt und er erzählte von seinen Plänen nach Kanada auszuwandern.

Am Freitag war es soweit. Ich hatte mein Bewerbungsgespräch. Um 0600 Uhr weckte mich der Wecker (ich habe keine Ahnung wann dies das letzte Mal war) und ich machte mich bereit. Ich zog mein schönstes Hemd an und fuhr in der Morgendämmerung in die Whisper Cove Marnia. Der Grund, wieso ich dorthin fuhr, ist dass um diese Zeit Elija aktiv wird und ich gerne ungestört sein wollte, ohne dass Anja sich nicht mehr bewegen konnte. Also richtete ich mich im Restaurant auf der Terrasse ein, schlug mein Notebook auf und wartete auf die Skype Verbindung. Es kam und kam kein Anruf ein. Plötzlich klingelte mein Telefon. Es war das Bewerbungsgespräch. Wir telefonierten knapp 17 Minuten. Da waren meine 50 CHF aufgebraucht und das Telefon brach ab. Noch während ich wieder Geld auflud, klingelte es erneut, diesmal über ein Video-audio Anruf per Daten. Das klappte hervorragend und ich konnte meine eventuellen zukünftigen Vorgesetzten sogar sehen. Wir führten so das Gespräch und ich habe ein gutes Gefühl. Ob es tatsächlich funktioniert mit dieser Stelle, wird sich zeigen. Kurz nach dem Gespräch fuhr ich mit den Kindern zum Pool in Le Phare Bleu. Ich genoss den ganzen Tag, ganz allein mit den Kindern im Pool zu sein. Kein einziger anderer Gast. Und so konnte sich Anja wieder voll und ganz auf die Kissen konzentrieren. Am Abend nach dem Nachtessen geniesse ich wieder eine Jamsession bei der Bar direkt vor unserer Haustür :-D.

Am Montag erhalte ich bereits die Einladung für das zweite Gespräch. Ich freue mich sehr, eine Runde weiter zu sein und bin schon ganz aufgeregt. Wir verbringen die restliche Woche mit den Standartbeschäftigungen. Jam Sessions, Baden in Le Phare Bleu während Anja die Kissen für den Salon fertig näht. Sie kommt gut voran und der mitgebrachte Stoff reicht. Jetzt nur keinen Fehler machen… Sie wird am Mittwoch fertig und nun sieht der Salon ganz anders aus. Richtig schön.

Am Mittwoch gehen wir früh schlafen. Das Vorstellungsgespräch ist nämlich um vier Uhr früh. Das stört mich nicht sonderlich, erstens stehe ich sowieso fast jede Nacht irgendwann mal auf, um die Luken zu schliessen, oder die Bootssituation zu kontrollieren wenn's mal stärker windet. Nur das einigermassen wach aussehen und ein Hemd und Hosen anzuziehen ist aussergewöhnlich. Ich mache mir also einen starken Kaffee und bereite mich für das Gespräch vor. Um vier Uhr ruft mich der Bewerbungsgesprächsleiter an. Begleitet vom Abteilungsleiter. Wir unterhalten uns etwa vierzig Minuten und einigen uns auf viele Details. Ich würde in einer Woche Bescheid kriegen. Da immer noch dunkel ist, lege mich aufs Ohr und horche den Geschichten des Kopfkissens. Plötzlich ertönt wieder mein Telefon. Ich bin recht verwundert, es ist nämlich dieselbe Nummer wie vorher. Ich nehme ab und denke, dass vielleicht noch etwas wichtiges vergessen ging. Diesmal komme ich aber aus dem Schlaf und habe kein Hemd an. Das scheint aber nicht sonderlich zu stören und der Mann meint mit trockenem Humor: "Wir sind sicher, es stört Sie nicht, dass wir Sie wecken. Denn wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir Sie am 01.11 in unserem Büro zum Arbeitsbeginn erwarten. Sie haben die Stelle!" Ich kann es fast nicht glauben und bin nicht sicher, ob ich jetzt noch träume, aber nein. Ich bin wach. Und ich habe es tatsächlich geschafft einen Top Job, aus 7460 km Entfernung zu kriegen. Es ist für mich eine grosse Erleichterung, nach Hause zu können und fast unmittelbar einen neuen Job anzufangen. Am Nachmittag kommen Freunde vorbei und kaufen uns die Sailrite, Nähmaschine ab. Diese wäre viel zu schwer, um mit dem Flieger zurück in die Schweiz zu bringen. Gegen Abend geht Anja mit etwa 10 anderen Ladys zur Nimrod's Jamsession. Eine Ladysnight und alle haben Spass. Ich habe derweilen mit Aaron und Mark einen gemütlichen Abend mit einem genüsslichen Whiskytasting. Wir geniessen die guten Tropfen, ohne zu übertreiben, dafür wären meine besten Flaschen zu schade. Wir sinnieren über alles Mögliche und haben es sehr lustig.

Am Samstag 12.09 verlieren wir unsere Jungfräulichkeit und "Hashen" das erste Mal. Nein! Das sind nicht die Sinneserweiternden Pflanzen gemeint. Die Hash House Harriers, kurz H3, sind weltweit aktiv. Es ist im groben eine Schnitzeljagd durch die Natur. Wir fahren zuerst zusammen mit der Familie von SY Soluna über eine Stunde lang mit dem Bus in die Hügelige Umgebung des Bezirks St. Andrews. Der Ort heisst Munich (München). Dann geht’s los. Wir laufen kämpfen uns fast zwei Stunden durchs Dickicht. Werden von Feuerameisen fast aufgefressen. (Ich weiss jetzt, wieso diese Tiere Feuerameisen heissen…) rutschen steile Hügel hinunter (weil es so matschig ist von den Vorläufern) springen über Bäche und klettern auf der anderen Seite wieder hinauf. Wir schlängeln uns neben Mangobäumen und Kakaopflanzen durch und suchen die nächsten Papierschnitzel. Wir sind nie allein, denn die Grenada Hash Gruppe zählt zu den Weltweit grössten. Während andere Gruppen kleine Hashs von etwa 10 Läufern sind, sind hier jede Woche zwischen 100-200 Leute am Start. Am Ziel angekommen lasse ich die Zertifizierungszeremonie über mich ergehen. Nun riecht alles nach Bier, denn man wird damit vollgespritzt. Natürlich mussten wir eines der coolen H3 T-Shirts als Erinnerung kaufen. Es war sehr anstrengend aber auch toll. Wir hatten viel Spass zusammen mit unseren Freunden und kamen gegen 2000 Uhr wieder aufs Boot zurück. Müde ging es alsbald in die Koje.

Die erste Hälfte der Woche vergeht einerseits mit Standartprogramm und anderseits sind wir am Schiff aufbereiten. Ich repariere hier und da Kleinigkeiten und lackiere für einen Freund das Bodenbrett für die Dusche.

16.09. Heute ist wieder Chicken Wings Abend in Le Phare Bleu. Wir haben gegen 1700 Uhr mit fünf weiteren Schweizer Schiffen abgemacht. Als wir kurz vor der Marina an einem grossen Katamaran vorbeifahren, der gerade ankert, sehen wir zuerst den Bootsnamen "Stella Maris" Mir kommt sofort unsere leider zu kurze Begegnung mit Derek in den Sinn. Wir haben uns damals im Januar in Martinique getroffen. Wir fahren vorbei und auf Deck sehen wir viele Kinder. Sechs an der Zahl. Mooooment. Das könnte wirklich Derek und Alyssa mit den Kindern sein… Und zugleich ruft von oben der Skipper mit den Händen zum Himmel "Anduril!!!" Und so sehen wir uns wieder. Wir geniessen den Abend zusammen mit den Crews der SY Pasito, SY Anita, SY No Stress und SY Mischievous. Später kommt noch die ganze Familie der SY Stella Maris und wir begreifen endlich, dass eine andere Familie, die wir schon länger kennen, ebenfalls mit sechs Kindern auf einem Katamaran, ebenfalls die SY Stella Maris ist. Die Nähe dieser Freunde bewegt uns dazu, am nächsten Tag nach über sechs Monaten den Anker zu lichten und eine Bucht weiter zu fahren. Dort haben wir eine Boje in Aussicht um das Schiff sicher zu Vertäuen während wir nach Hause fahren.

Der Countdown läuft. In 16 Tagen sollte unser Flieger gehen. In 18 Tagen sollten wir zuhause ankommen. Was dann kommt, steht in den Sternen. Aber unser Familienprojekt ABAS-Reisen hat ein Ende. Das Schiff steht zum Verkauf und eine Rückkehr ist in Plan A nicht vorhanden. Vielleicht kommt Plan B oder C zum Zug, man weiss dies nie so genau als Cruiser. Der nächste und vorerst letzte Blog und Video wird mit etwas Verspätung kommen, sobald wir zuhause angekommen sind.